PODCAST
Dieser Erfahrungsbericht stammt von einer Frau, der ich auf einem Spaziergang begegnete. Sie hatte den Zweiten Weltkrieg erlebt und teilte ihre Erinnerungen mit mir. Von Stephan Kobes
Die Arie verstummte. Sorgenvoll hob die Sängerin ihren Blick zur Decke. Hatte sie richtig gehört? Ja! Dieses Geräusch kannte sie gut. Auch die Gäste im Saal konnten es hören. Ein angespanntes Schweigen breitete sich aus. Alle lauschten. Das Dröhnen wurde lauter. Und dann, plötzlich: krachende Explosionen, gefolgt vom schrillen Heulen der Sirenen. Fliegeralarm!
Deutschland befand sich schon seit einiger Zeit im Zweiten Weltkrieg, und jeder wusste, was in solchen Momenten zu tun war. Die Angestellten des Opernhauses warfen die Türen des großen Saales auf, um den Zuschauern den schnellstmöglichen Zugang zu einem nahegelegenen Luftschutzbunker zu ermöglichen. Auch die fünfzehnjährige Erika drängte sich mit der Menge in Richtung Ausgang, doch sie fühlte sich verloren. Während sie mit hastigen Schritten den Saal verließ, fragte sie sich ängstlich, wohin sie jetzt gehen sollte. Dieser Stadtteil war ihr fremd. Was sollte sie jetzt machen?
Da spürte sie plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter: »Komm mit! Gleich um die Ecke gibt es einen Keller, der besonders sicher ist!« Eine Frau hatte Erikas Ratlosigkeit bemerkt. Erika zögerte keinen Augenblick. Dankbar folgte sie der fremden Frau, die sie schnellen Schrittes aus der Gefahrenzone führte.
Gedanken an die Familie
Erika hielt sich dicht an die Frau. Über ihnen kreisten Dutzende von Kampfbombern. Das Dröhnen ihrer Motoren mischte sich mit den ohrenbetäubenden Explosionen der Brandbomben, die überall aufflammten. Ganze Scharen von Menschen strömten verzweifelt in Richtung einer nahegelegenen Luftschutzanlage, in der Hoffnung, Schutz zu finden.
Als Erika den überfüllten Großraumbunker erreichte, hatte sie nur einen Gedanken: »Ich will zu meiner Familie«, schluchzte sie leise. Dann sank sie erschöpft zu Boden. Warum nur hatte sie ihre Mutter ausgerechnet an diesem Tag in die Oper geschickt?
Die Bilder des Vormittags stiegen in ihr auf …
Einladung ins Ungewisse
»Heute darfst du in die Oper gehen, mein Kind!« Der Satz hallte in Erikas Ohren wider. »Was?«, fragte sie überrascht. »Ich? In die Oper? Aber Mama, wir waren doch noch nie in einem Theater! Was soll ich denn dort machen?«
»Das wirst du herausfinden, wenn du dort bist!«, antwortete Erikas Mama mit einem sanften Lächeln. »Es wird Zeit, dass du das Leben kennenlernst! Darum darfst du heute ganz alleine die Aufführung anschauen!«
Erika war überrascht: »Aber Mama, ich weiß doch gar nicht, wie man sich dort verhält.«
Ihre Mutter legte liebevoll den Arm um sie, zog sie näher und flüsterte: »Eben deshalb!« Sie drückte Erika das Ticket in die Hand.
Erika verstand: Jede weitere Diskussion war zwecklos. Auch wenn sie an diesem Abend viel lieber zu Hause geblieben wäre, akzeptierte sie die Herausforderung. »Gut, Mama. Dann gehe ich heute Abend in die Oper.«
Angriff der Alliierten
Das Dröhnen der Kampfbomber riss Erika jäh aus ihren Gedanken. Es krachte und schepperte ohrenbetäubend! »Die nächste Angriffswelle! So etwas haben wir ja noch nie erlebt!«, stammelte sie zitternd. »Ja! Die Alliierten scheinen die Luftabwehr überlistet zu haben«, sagte die Frau, die sie in den Bunker geführt hatte, mit gepresster Stimme.
Die Zeit im Luftschutzbunker kam Erika wie eine Ewigkeit vor. Das Krachen der Detonationen nahm einfach kein Ende. Unaufhörlich bebte der Boden. Die stickige, schweißerfüllte Luft machte das Atmen schwer. Niemand sprach, alle starrten angsterfüllt vor sich hin, die Anspannung lag wie ein bleierner Mantel auf den Menschen. Wie würde das Leben nach dieser Nacht aussehen?
Macht des Heimwehs!
Als es draußen ruhiger wurde, hielt Erika es nicht mehr aus. Eilig drängte sie zur Bunkertür. »Bitte lassen Sie mich durch. Ich muss zu meiner Familie!«
Eine Hand zog sie zurück. »Kind, du kannst jetzt nicht nach Hause! Die halbe Stadt steht noch in Flammen!« Eine ältere Frau sah sie ernst, aber mitfühlend an. Aber Erika hatte nur einen Gedanken. »Bitte! Ich muss heim!«
Als die Frau erkannte, dass sie Erika nicht zurückhalten konnte, sagte sie: »Warte, Mädchen!« Dann nahm sie ihre Wolldecke, tauchte sie in kaltes Wasser und legte sie Erika um die Schultern. »Das wird dich schützen.«
»Danke!«, sagte Erika höflich. Dann lief sie los, geradewegs in das flammende Inferno.
Durch die Flammen
Erika rannte so schnell sie konnte. Ganze Straßenzüge standen in Flammen. Berge von Steinen und Balken blockierten immer wieder ihren Weg, und der schwere Staub und Rauch erschwerten ihr das Atmen.
Trotz all der Hindernisse trieb sie ein einziger Gedanke an: Sie musste nach Hause. Zu Mama. Zu Hans.
Schließlich erreichte sie, völlig außer Atem, das Haus ihrer Familie – doch zu ihrem Entsetzen brannte es lichterloh. Das schöne Haus konnte den Flammen nichts entgegensetzen.
Hoffnung?
Erikas Herz zog sich schmerzhaft zusammen. War das das Ende ihrer schönen Kindheit? Doch schnell klammerte sie sich an eine letzte Hoffnung: den Luftschutzbunker! Sie kannte den Ort genau, an dem ihre Familie schon so oft Zuflucht gefunden hatte.
Auf dem Weg sah sie plötzlich Paviane und Strauße ziellos durch die Straßen irren. »Oh nein!«, dachte sie entsetzt, »auch der Zoo wurde getroffen!«
Als sie den Bunker erreichte, klopfte ihr Herz bis zum Hals. Das Gebäude, das den Zugang zum Bunker bot, war schwer beschädigt. Ohne zu zögern rannte sie zu der Stelle, an der ein »N. A.« den Notausgang kennzeichnete. Schnell räumte sie ein paar Trümmer zur Seite.
Wiedersehen
Dann öffnete sich auch schon die Luke. Eine Gestalt trat heraus, dann noch eine. »Mama!«, rief Erika erleichtert und warf sich in die Arme ihrer Mutter. Auch ihr kleiner Bruder Hans hatte überlebt! In diesem Augenblick überwältigten sie Freude und Dankbarkeit. Es war so schön, dass sie all das Grauen um sich herum kurzzeitig ganz vergaß.
Eine schwere Nachricht
Nachdem sich die Freude über das Wiedersehen gelegt hatte, fragte Erika besorgt: »Mama, wo ist Ernst?« Ein betretenes Schweigen folgte. »Hat er es nicht in den Bunker geschafft?«
Erika erinnerte sich an die vielen Geschichten, die der alte Mann ihr als Kind erzählt hatte, und drängte weiter: »Lass uns nachsehen, ob Ernst Hilfe braucht.«
Erikas Mutter seufzte und erklärte: »Ernst hatte sich auf deinen Platz im Bunker gesetzt, als du nicht kamst. Später schlug ein Bombensplitter genau dort ein. Er hat es nicht überlebt.«
»Das war mein Platz!«
Erika spürte, wie sich ihre Knie zitternd unter ihr zusammenzogen, als sie von dem Schicksal des alten Ernst hörte. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, als sie die Worte ihrer Mutter langsam in sich aufnahm.
»Das war mein Platz …«, flüsterte sie kaum hörbar, während ihr Blick über die Menschen um sie herum wanderte. Die Erleichterung, dass ihre Mutter und ihr Bruder überlebt hatten, mischte sich mit einem überwältigenden Gefühl der Trauer und der Frage nach dem Warum.
Fragen über Fragen
Als sie schließlich neben ihrer Mutter saß, in Sicherheit, konnte sie das Zittern nicht unterdrücken. In der Stille der Nacht, die nur von den fernen Echos des Krieges durchbrochen wurde, fragte sie leise: »Warum, Mama? Warum hat Ernst das nicht überlebt und ich schon?«
Ihre Mutter nahm ihre Hand, drückte sie fest, aber sagte nichts. Was hätte sie auch sagen können?
In dieser Nacht fand Erika keinen Schlaf. Die Ereignisse wirbelten durch ihren Kopf, und immer wieder fragte sie sich: »War es nur Zufall? Oder war es mehr als das?«
Gibt es ihn wirklich?
Jahre später, wenn sie zurückdachte, hallten diese Fragen immer noch in ihrem Geist nach. »Wer hat meiner Mutter gesagt, dass sie mich ausgerechnet an diesem Tag in die Oper schicken soll?«
Erika begann, den Wert des Lebens auf eine neue Weise zu schätzen. Jede Entscheidung, jede Begegnung wurde für sie bedeutungsvoller. Die Wochen nach jener schicksalhaften Nacht waren hart. Immer wieder sah sie, wie schwer es gerade für ältere Menschen war, sich im riesigen Trümmerhaufen ihrer einstigen Heimat zurechtzufinden. Diese Erkenntnis half ihr, den Gedanken zu ertragen, dass Ernst all das nicht mehr miterleben musste.
Die Ereignisse jener Nacht hatten eine leise Stimme in ihr geweckt, die ihr sagte, dass es vielleicht doch mehr gab. War es Gott? Hatte er ihre Mutter dazu gebracht, sie an diesem Tag in die Oper zu schicken? War es wirklich sein Plan? Jahrelang hatten die Nazis ihr eingeredet, dass es keinen Gott gäbe und der Glaube nur eine Illusion sei. Aber mitten im Inferno schien die Realität eine andere Sprache zu sprechen …
»Gibt es ihn etwa wirklich?«
Quelle: hoffnung HEUTE, Ausgabe 9
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