PODCAST
Ein erschütternder Augenzeugenbericht: Nach der Nachricht vom Absturz des Swissair-Flugs 111 beginnt für eine Familie ein Albtraum aus Ungewissheit, Hoffnung und tiefer Trauer. Der Text schildert die Stunden nach dem Unglück, den verzweifelten Kampf um Informationen, den Halt durch Freunde und Gemeinde sowie die außergewöhnliche Menschlichkeit, die den Angehörigen in Nova Scotia begegnet. Eine bewegende Geschichte über Verlust, Mitgefühl, Glauben und die „unfreiwillige Bruderschaft“, die Menschen durch Tragödien verbindet.
Zusammengestellt und übersetzt aus David Wilkins, United by Tragedy. A Father’s Story, Pacific Press Publishing Association.
Der Anruf
»Hast du die Nachrichten gesehen?«
»Nein, heute noch nicht … «
»Ein Flugzeug ist abgestürzt!«, sagte Dan. »Hoffentlich war es nicht das Flugzeug von Monte. Wie war seine Flugnummer?«
Janet und ich waren gerade bei Jack und Nadine Irvin in Maple Valley im US-Bundesstaat Washington angekommen, als das Telefon klingelte. Unser Schwiegersohn Dan Fiorello rief aus San Jose, Kalifornien an.
»Was meinst du damit?« Mir war es, als wäre ich von einer Kugel getroffen worden.
»Ein Flugzeug ist auf dem Weg von New York nach Zürich oder Genf abgestürzt. Abflugzeit und -ort passen zu Montes Reiseroute. Darren sah es gerade in den Nachrichten und rief uns an, weil er nicht wusste, wo ihr seid. War das Montes Flugzeug?« In mir kämpften Unglaube und Schock miteinander.
»Jack!«, rief ich unserem Gastgeber zu. »Bitte, schalte schnell CNN ein!« Als er sich zum TV-Set bewegte, fragte ich Janet: »Welchen Flug hatte Monte?«
»Das war Swissair von New York nach Genf.« Sie hatte noch am Abend zuvor seiner zukünftigen Hochschule in Collonges-sous-Salève gleich hinter der französischen Grenze mitgeteilt, dass er mit einem Swissair-Flug ankommen würde.
Ich wandte mich wieder dem Telefon zu. »Wir haben noch nicht die Nachrichten geschaut und wissen die Flugnummer nicht«, sagte ich. »Es könnte Montes Flug gewesen sein.« Die Ruhe in meiner Stimme überraschte mich, denn innerlich fühlte ich mich wie zum Zerplatzen. »Meinst du wirklich, es könnte sein Flugzeug gewesen sein?«
»Ich weiß nicht. Ich habe nur in den Nachrichten gehört, dass es sich um eine Swissair-Maschine mit der Flugnummer 111 handelte, die um 20:18 Uhr von New York startete. Sie war auf dem Weg nach Europa und stürzte bei Nova Scotia ins Meer, irgendwo in der Nähe von Halifax. Es geschah um 22:31 Uhr.«
»Oh, nein!«, stöhnte ich. Ich atmete tief durch und rief meiner Frau zu: »Janet, weißt du nicht doch Montes Flugnummer?«
Sie konnte sich nicht erinnern. Monte hatte drei verschiedene Flüge von Südkalifornien nach Genf. Ich bat Janet, nochmal genau nachzudenken.
»Gestern Abend haben wir ein Formular mit den Fluginformationen an die Schule gefaxt«, sagte sie. Sie schloss ihre Augen, als würde sie versuchen, die Nummer auf dem Papier zu erkennen. »Sie hatte zweimal die eins. An soviel kann ich mich erinnern.«
Mein Herz zitterte. Wenn es zwei waren, vielleicht könnten es auch drei gewesen sein? »Könnte es … könnte es der Flug 111 gewesen sein?«
Wieder vergingen Sekunden. Schließlich nickte Janet. »Ja, ja, ich denke … 111 klingt richtig.«
Meine Frau hatte bei dem Gespräch offensichtlich nur meine Seite gehört. Aber sie merkte, dass irgendetwas Schreckliches passiert sein musste. Zuerst meinte sie, es wäre irgendetwas Schlimmes in San Jose geschehen, denn sie wusste, dass ich mit Dan sprach, der dort lebte.
Gerade in diesem Augenblick endete CNN und der Sprecher sagte: »Auf dem Weg von New York nach Zürich kam es zu einem Flugzeugabsturz des Swissair-Fluges 111. Die Maschine stürzte um 22:31 Uhr lokaler Zeit bei Neuschottland ins Meer.«
Später berichtigte der Sprecher seine Angabe: Nicht Zürich, sondern Genf war tatsächlich das Flugziel gewesen.
Lass es doch nicht wahr sein!
Wir starrten auf den Bildschirm.
Mein erster Gedanke war, dass das nicht wahr sein könne! Ich war sein Vater und stand meinem Sohn sehr nahe. Hätte Gott mich nicht gewarnt, mich spüren lassen, dass etwas passieren würde? Auch Janet hatte keine Vorwarnung erhalten.
Der CNN-Sprecher sprach weiter. Man sagte, es würde Überlebende geben! In uns keimte Hoffnung, ungeachtet des Schocks, der mich die letzten 10 Minuten gelähmt hatte.
Unsere Freunde Randy und Loralyn Horning waren dabei und erlebten diesen Augenblick mit uns.
»Ich denke, wir sollten beten«, sagte Janet.
Zuerst umarmten wir uns alle. Die Tränen liefen uns über die Wangen; keiner versuchte, tapfer zu sein. Wir alle handelten rein emotional.
Wir knieten nieder, um zu beten. Im Innern schrie ich zu Gott, das alles möge nicht wahr sein! Lass es doch ein Irrtum sein! Jeder von uns betete still, und dann brachten wir alle, einer nach dem anderen, unseren Schmerz und unsere Angst zum Ausdruck.
Als wir aufstanden, fühlte ich mich kein bisschen besser. Janet umgab eine Ruhe, die ich nicht teilen konnte.
Familienbeistand
Wir gingen wieder zum Fernseher und schauten weiter. CNN zeigte eine 800er Family-Assistance-Nummer für eine Art Familienbeistand, wo nahestehende Familienangehörige anrufen konnten.
Ich rief dort an und nach endlosem Warten kam jemand ans Telefon. »Ja, Swissair 111 ist abgestürzt«, war die erste Antwort.
»Gibt es Überlebende? Unser Sohn Monte Wilkins war auf diesem Flug und … «
»Es tut mir leid, aber wir können zu diesem Zeitpunkt leider noch nichts sagen. Wenn Sie uns Ihren Namen und Ihre Telefonnummer hinterlassen, rufen wir Sie zurück.«
»Aber unser Sohn … «
»Es tut mir leid, aber wir haben keine weiteren Informationen.« Die Person handelte professionell, wie man es ihr aufgetragen hatte, aber gerade jetzt brauchte ich die Antwort auf die eine Frage: Lebt Monte noch?
Ich rief unseren Sohn Darren und seine Frau Yvette an, die in Loma Linda, Kalifornien lebten, und sagte ihnen, dass der Familienbeistand nichts über Überlebende sagen konnte.
Unsere Tochter Marci
Als nächstes musste ich es unserer jüngeren Tochter Marci berichten. Es schien mir wichtig, dass Marci die Information nicht erhielt, während sie allein wäre. Bevor ich sie anrufen und sichergehen konnte, dass sie nicht allein war, rief Dans Mutter bei ihr an und erzählte ihr, dass sie für uns beteten. Dans Mutter merkte allerdings sofort, dass Marci nicht wusste, was geschehen war. Sie rettete sich in einen etwas unbeholfenen Smalltalk und legte auf, ohne etwas von dem Absturz zu sagen. Kurz danach rief ich Marci an und fragte umsichtig, ob jemand bei ihr sei. Sie war allein. Ich wollte es ihr nicht sagen, aber sie fing an, Vermutungen anzustellen. Sie duldete keinen Aufschub, sondern wollte wissen, was los war. Die große Entfernung zwischen uns war unerträglich, ja qualvoll.
»Montes Flugzeug ist abgestürzt.« Daran erinnere mich noch, aber der Rest ist wie im Nebel verschwunden. Marci schrie auf, als hätte sie jemand grausam geschlagen. Ich fühlte mich als Vater völlig hilflos mit so vielen Kilometern zwischen uns.
Wie ich etwas später erfuhr, kamen wenige Minuten nach meinem Anruf einige Freunde aus unserer Gemeinde zu ihr nach Hause. Sie umarmten sie und versuchten, sie zu trösten. Einige von ihnen blieben bei ihr, bis Janet und ich aus Kalifornien zurück waren.
Nun wussten unsere Kinder so viel wie wir – die einzige Information: Der Flug 111 war bei Nova Scotia ins Meer gestürzt.
Der Albtraum hatte begonnen.
Überlebende
Wir saßen vor dem Fernseher und warteten auf neue Informationen. Die Minuten schienen kein Ende zu nehmen, bis endlich ein Video gezeigt wurde mit einer Reihe von Einsatzfahrzeugen und den Vorbereitungen zur medizinischen Versorgung Überlebender. Einige Male verwendeten sie jenes eine Wort, das uns Hoffnung machte: Überlebende.
»Überlebende«, wiederholte einer von uns.
Ich rief noch einmal beim Familienbeistand an. Obwohl eine andere Person meinen Anruf beantwortete, war die Information – also: die fehlende Information – dieselbe. Man würde uns anrufen, sobald man mehr wisse.
»Vielleicht hat er ja den Flug verpasst«, sagte ich.
Wir wagten es zwar, den Gedanken zu erwägen, er könnte seinen Flug verpasst haben, aber tief im Herzen wussten Janet und ich, dass das eigentlich nicht sein konnte. Es war sehr unwahrscheinlich, dass ein patenter, verantwortungsbewusster, junger Mann auf einem Missionsabenteuer seinen Flug verpasst. Dann hätte er mit Sicherheit seine Schwester Marci in unserem Haus in Südkalifornien angerufen.
»Ich brauche einen Flug nach Halifax! Ich fliege hin! Ich werde Monte finden!«, sagte ich. Ich fing an, Fluggesellschaften anzurufen, und verlangte einen Flug nach Halifax. Ein Teil von mir wusste, dass ich unvernünftig handelte, aber ich hatte den tiefen Eindruck, dass ich nun handeln musste – irgendwie handeln. Ich musste etwas tun, mich einsetzen, einfach etwas tun – irgendetwas, das in meiner Macht stand. Ich wollte meinen Sohn wenn nötig selbst aus dem Nordatlantik ziehen! Hauptsache ich war da – bei unserem 19-jährigen Sohn. Er würde an Unterkühlung sterben, wenn ich ihn nicht rettete!
Als ich versuchte, Flugverbindungen zu finden, sah ich unseren jüngsten Sohn vor meinem geistigen Auge auf Trümmerteilen umherschwimmen, frieren und nach Hilfe schreien. Und ich war fünfeinhalbtausend Kilometer entfernt! Ich musste unbedingt zu ihm!
Bevor ich einen Flug nach Halifax buchen konnte, sickerten mehr Informationen durch, und jedes Detail brachte uns mehr Kopfschmerzen. Es wurde offensichtlich, dass alle früheren Reporter falsch lagen: Es gab keine Überlebenden.
Der Aufprall aufs Wasser musste so verheerend gewesen sein, dass das Flugzeug vollständig zerfetzt worden war.
Hilflos
Ich bin Arzt; eine Zeitlang leitete ich die Abteilung für Ophthalmologie (Augenheilkunde) und die Facharztausbildung an der Loma-Linda-Universität. Ich war es gewohnt, Entscheidungen über das Leben von Menschen zu treffen, Probleme zu lösen, Leute zu organisieren und schreckliche Situationen zu klären. Ohne es zu merken, schlüpfte ich nun in die Rolle von Dr. Effizienz. Rückblickend war es meine Art und Weise, mit der Realität des Verlustes umzugehen und mich davor zu schützen.
Keine Ahnung, wie oft ich die Familienbeistandsnummer wählte. Es mag verrückt klingen, aber ich sagte mir immer wieder, wenn ich nur alle Antworten hätte – wenn ich mit Sicherheit wüsste, dass Monte im Flugzeug war und dass er nicht überlebt hatte –, könnte ich besser mit der Wirklichkeit umgehen. Ich meinte, das Nichtwissen sei an meiner Unruhe schuld.
Aber eigentlich kämpfte ich damit, die Wahrheit anzunehmen, die ich nicht annehmen wollte. Immer wenn der Schmerz mich wieder zu überwältigen drohte, nahm ich das Telefon und rief den Familienbeistand an. Jedes Mal erhielt ich dieselbe Antwort. Dann legte ich auf und rief bei Swissair an. Ich konnte nicht einfach still dasitzen und nichts tun.
»Wir werden heute Abend nichts mehr in Erfahrung bringen«, sagte ich schlussendlich und spielte den Vernünftigen. Man hatte uns gesagt, dass einschließlich der Crew 229 Personen an Bord gewesen waren. Doch man wollte keine Aussagen über Einzelne treffen, solange man nicht mit Sicherheit sagen konnte, dass jeder von ihnen auch wirklich an Bord war. Das verstanden wir. Sie taten ihr Bestes.
Wir mussten einfach warten.
Warten
Aber Warten schien unmöglich; wir warteten ja sowieso. So entschlossen wir uns, unverzüglich in unser Zuhause nach Yucaipa in Kalifornien zurückzukehren. Nachdem ich einen Flug bei Alaska Airlines gebucht hatte, bat ich die Leute vom Familienbeistand, jegliche Information an Darren weiterzugeben, während wir unterwegs waren. Sie versicherten uns, dass sie das tun würden.
Schließlich gingen Janet und ich um 3 Uhr morgens zu Bett. Erschöpft, frustriert und müde vor Kummer, versuchten wir zu schlafen. Aber Schmerz und tausende Gedanken verdrängten den Schlaf.
Mein ganzes Denken war bei Monte und meinem Verlust. Das Wörtchen »warum« begann sich einzuschleichen. Warum hatten wir ihn auf diesen Flug gelassen? Warum hatte Gott ihn nicht beschützt? Ich fragte mich auch, ob wir etwas falsch gemacht hatten, dass uns eine so schwere Tragödie traf. War das die Bestrafung für irgendeine Sünde – von Monte oder uns?
Langsam schlief ich ein, aber bereits weniger als eine Stunde später klingelte der Wecker.
Um 7 Uhr am 3. September 1998 startete unser Flug zurück nach Hause. Während wir in der Luft waren, erhielt Darren die Bestätigung von Swissair, dass Monte im Flugzeug gewesen war, aber er hatte keine Möglichkeit, uns zu informieren.
Freunde
Mir war ganz mulmig, von Seattle zurück nach Kalifornien oder überhaupt irgendwohin zu fliegen. Wir hatten gerade unseren Sohn in einem Flugzeugabsturz verloren, aber wir wussten, wir mussten nach Hause. Mit unserer Familie zusammen zu sein, war uns in diesem Augenblick wichtiger als alles andere.
Als unser Flugzeug in die Wolken eintauchte, dachte ich: »Wenn doch nur jemand neben uns sitzen und uns trösten könnte, einfach nur irgendjemand.« Ich war mir sicher, wir würden uns besser fühlen. War das ein bewusstes Gebet? Ich weiß es nicht, aber Gott beantwortete es sofort.
Nachdem das Flugzeug die entsprechende Flughöhe erreicht hatte, schaltete der Kapitän die Anschnallzeichen aus. Einige Leute gingen herum und Janet sah, wie eine Frau aufstand und das Gepäckfach über sich öffnete. Wir saßen neun Reihen hinter ihr. »Schau mal, ist das nicht Peggy McNeill?«, flüsterte Janet mir zu.
Sie hatte uns den Rücken zugewandt und setzte sich wieder. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte nicht die emotionale Stärke, nach vorn zu gehen und genauer zu schauen.
Nur wenige Minuten später stand Jim, Peggys Ehemann, auf und ging den Gang nach hinten zur Toilette. Als er unsere Reihe erreichte, sah er uns, hielt an und grinste uns warmherzig entgegen: »David! Janet!«
Jim war für mich schon in vielerlei Hinsicht wie ein Bruder gewesen. Wir hatten uns vor drei Jahrzehnten während unserer medizinischen Ausbildung in Loma Linda getroffen und waren gute Freunden geworden. Jim hatte einmal gesagt, dass er sich aufgrund meines Einflusses dafür entschieden hatte, in Ophthalmologie seinen Facharzt zu machen. Später wurde er zum Leiter der ophthalmologischen Abteilung der Loma-Linda-Universität. Als er die Uni verließ, um in der privaten Praxis eines Freundes zu arbeiten, übernahm ich seine Position.
Ich zwang mich zu lächeln.
Als er uns die unausweichliche Frage stellte, wie es uns beiden ging, tat es so weh, dass ich gar nicht erst versuchte, irgendetwas abzumildern. Ich weiß nicht mehr, ob sich meine Augen mit Tränen füllten. Ich kann mich nur erinnern, dass meine Stimme zitterte. »Monte war auf dem Swissair-Flug, der gestern Nacht abstürzte«, sagte ich.
Jim starrte mich an und verstand einen Augenblick lang kaum, was er hörte. »O nein!«, sagte er. Seine Augen wurden feucht und er schüttelte langsam den Kopf. Jim ist ein eher reservierter Mensch und niemand, der sich selbst gern darstellt; seine Tränen genügten, um zu wissen, dass er unseren Schmerz spürte. Es kam mir vor, als würde er uns mit seinen Augen umarmen, um uns zu zeigen, wie leid es ihm tat. »Ich muss Peggy holen«, sagte er.
»Gott hat es wieder getan«, sagte Janet und fasste meinen Arm. »Wir sind nicht allein. Wie gestern Abend. Er hat jemand zu uns auf diesen Flug geschickt.«
Jim ging nach vorn, um Peggy zu holen, ohne ihr den traurigen Bericht weiterzusagen. Ihr warmes, liebevolles Lächeln erstarrte, als sie die Neuigkeiten hörte. In unserer Reihe gab es einen freien Sitzplatz. Peggy setzte sich für den Rest des Fluges neben Janet. Jim ging zurück zu seinem Sitzplatz. Leise weinend sprachen wir mit Peggy über die Ereignisse der letzten Nacht.
Einige Male wischte ich mir die Tränen aus den Augen und dankte Gott im Stillen, dass er uns gute Freunde ins Flugzeug geschickt hatte, die uns mit Liebe und Mitgefühl umgaben. Einfach nur mit ihnen zusammen zu sein, gab uns Kraft. Sie wohnten in den Tri-Cities von Ost-Washington. Für mich gab es keinen logischen Grund dafür, warum sie auf demselben Flug waren.
Ankunft
Das Flugzeug landete um 9:20 Uhr, und wir mussten vom Flugzeug quer über die Landebahn zum Terminal laufen. Als Janet und ich ausstiegen, sah ich meinen Schwager Jim Simpson und unseren Pastor Clarence Shilt unten an der Treppe stehen. Neben ihm standen vier uniformierte Angestellte von Delta Airlines. Eine Erklärung war nicht notwendig.
Einer der Leute von Delta trat nach vorn und bestätigte die erschütternde Nachricht, die unsere Herzen erst ganz allmählich fassten. Ich hörte die Kondolenzbekundungen, aber ich fühlte mich zu taub, um zu reagieren. Jim und Clarence umarmten uns. Wieder war ich froh, vertraute Gesichter zu sehen.
Sheryl Johnson
Ein Mitglied der Delegation stellte sich vor als Sheryl Johnson und sagte uns, sie sei Vertreterin von Delta Airlines. Sie und Jay seien als Fürsorgepartner für uns ausgesucht worden, sobald die Passagierliste bestätigt worden war. (Jay würden wir am Abend treffen.)
Es mag seltsam klingen, aber mit Sheryl entwickelte sich schnell eine Beziehung, die Zeit und Ort überdauerte. Ich musste immer wieder daran denken, wie Sheryl an jenem Morgen des 3. Septembers, als unser Schmerz am größten war, vor mir stand mit ausgestreckter Hand. Allein das Mitgefühl auf ihrem Gesicht zeigte deutlich, dass sie freiwillig an unserem Heilungsprozess Anteil haben wollte. Sie fügte sich einfach in unsere Familientragödie ein, und wir spürten, dass sie ein Glied unserer immer größer werdenden Familie wurde.
Jim Wise
Jim und Peggy hatten ein Auto gemietet, um Verwandte in der Nähe von uns zu besuchen. Wir selbst hatten unser Auto am Flughafen gelassen und planten, nach Hause zu fahren.
»Ihr fahrt nicht nach Hause!«, sagte Peggy. »Wir fahren euch nach Hause. So könnt ihr auf gar keinen Fall fahren!«
Ich protestierte nicht. Auf unserer 45-minütigen Fahrt nach Hause rief ich meinen Freund Jim Wise an. Er wusste von dem Absturz, aber hatte keine Ahnung, dass Monte im Flugzeug war. Jim hatte seinen eigenen 20-jährigen Sohn vor einigen Jahren an Krebs verloren. Ich sagte ihm, dass er nun an der Reihe wäre, mich auf den Beinen zu halten.
Erst später merkte ich, wie sehr Jim Wise uns unterstützte. Ein ganzes Jahr lang schrieb er uns jede Woche einen Ermutigungsbrief.
Zu Hause angekommen
Als wir zu Hause ankamen, waren Marci, Darren und Yvette bereits da, und wir waren überrascht, dass unser Haus voller Gemeindeglieder war.
»O nein! Ich will jetzt niemand sehen!«, war meine sofortige Reaktion. Aber ich hatte keine Wahl. Wir umarmten unsere Kinder unter vielen Tränen und mit wenigen Worten. Fast augenblicklich kam jeder im Raum nach vorn und umarmte uns. Einige weinten, einigen hielten uns ganz fest und einige wenige versuchten, liebevolle Worte zu finden. Statt ihrer Gegenwart zu widerstehen, ließ ich mich einfach in ihre Arme fallen.
Echte Hilfe
Die Gegenwart unserer Freunde war mehr, als dass sie nur einfach da waren und wir uns geliebt und mit anderen verbunden fühlten in unserem Verlust. Unter der Koordination von Bonnie Parker, einer langjährigen Freundin des Hauses, übernahmen die Geschwister aus der Gemeinde auch alle gewöhnlichen Aufgaben für uns. Wir mussten uns um nichts kümmern. Sie wuschen uns das Auto, kochten für uns, fütterten den Hund und machten die Wäsche. Bonnies Ehemann Dick richtete einen Anrufbeantworter ein, auf den alle Anrufe liefen. Gordon Day, ein 1,90 m großer Mann, stellte sich draußen vor dem Haus auf, um uns vor den Medien zu schützen. Nicht ein Journalist oder Reporter schaffte es an ihm vorbei.
Wollen Sie nach Nova Scotia fliegen?
In der Zwischenzeit trat Sheryl Johnson von Delta Airlines in Aktion. »Wollen Sie nach Nova Scotia fliegen?«, fragte sie uns. Nach einigen Überlegungen entschieden wir uns dafür, und so hielten noch am gleichen Abend zwei Vans vor unserem Haus und ließen uns einsteigen. Wir, das waren Darren und Yvette, Shannon und Dan, Marci, Janet und ich. Mit zwei weiteren Freunden, die sich uns beim Zwischenstopp in New York anschlossen, waren wir neun Personen.
Von diesem Zeitpunkt an übernahm das Delta-Personal völlige Verantwortung und kümmerte sich um alle unsere Bedürfnisse während der Reise. Zu keinem Zeitpunkt mussten wir uns um Tickets, Gepäck, Boardingpässe, Verbindungen, lokale Transportmittel, persönliche Notwendigkeiten oder auch nur Geld kümmern. Delta-Angestellte arrangierten alles für uns. An jedem Ort schotteten sie uns von der Öffentlichkeit ab und vor allem von den Medien. Sie schienen perfekt zu wissen, wie sie für uns sorgen konnten, ohne aufdringlich zu sein. Alles, was wir tun mussten, war, uns aneinander festzuhalten.
In Halifax
Wir kamen am späten Freitag Nachmittag des 4. Septembers in Halifax, Nova Scotia an, fast 48 Stunden nach dem Absturz. Die meisten von uns waren emotional und körperlich erschöpft, denn wir hatten zwei Nächte nicht geschlafen.
Als wir im Hotel ankamen und aus den Bussen ausstiegen, mit denen wir vom Flughafen abgeholt wurden, waren wir so viele, dass das Personal des Lord-Nelson-Hotels kurzzeitig etwas überfordert war und uns bat, es uns in der Lobby bequem zu machen. Später erfuhren wir, dass das Hotel darauf gedrängt hatte, die Familien der Opfer aufzunehmen. Sofort hatten sie die bereits registrierten Gäste in anderen Hotels untergebracht. Die Landesregierung hatte das Hotel abgesichert und Wachen an jedem Eingang aufgestellt.
Dan Dearing von der Heilsarmee
Als wir einige Minuten dort saßen, kam ein gut aussehender, uniformierter Kapitän der Heilsarmee zu uns.
»O nein!«, stöhnte ich und schloss meine Augen. »Ich muss doch jetzt nicht etwa mit ihm sprechen, oder?« Ich wollte, dass er weggeht.
»Hallo, ich bin Captain Dan Dearing«, sagte er und streckte uns seine Hand entgegen. Ich schlug ein und schüttelte ihm die Hand. Ob er mein Zögern bemerkte? Ich bin mir nicht sicher, aber es war da. Ich starrte ihn an und dachte: »Heilsarmee? Was will er hier?«
Seit meiner Geburt und Kindheit gehöre ich einer kleineren, protestantischen Religionsgemeinschaft an. Anderen Christen gegenüber war ich tolerant, aber ich glaubte, sie hätten nicht so viel Wahrheit wie wir und wären deshalb keine so guten Christen. Ich war noch nicht an den Punkt gekommen, sie vorbehaltlos anzunehmen. Aber das sollte sich nun ändern.
Würde man meine Kinder fragen, würden sie zwei Dinge über jenen Abend erzählen, als Dan Dearing auftauchte. Erstens: Zu diesem Zeitpunkt wollten sie absolut niemanden sehen! Zweitens: Innerhalb von Minuten schlossen sie Dan Dearing ins Herz.
Anstatt rumzustehen und unsere trauernde Gruppe zu beobachten, kam er in unseren Kreis und begann, mit uns zu sprechen. »Wisst ihr, ich möchte für euch da sein! Ich weiß, wie sehr ihr trauert, und ich möchte euch wissen lassen, dass wir hier in Nova Scotia diesen Schmerz teilen.«
Er kannte uns nicht, und wir kannten ihn nicht, aber er verstand etwas, was unglaublich viel Kraft in sich birgt: Er ließ uns unseren Schmerz und versuchte nicht, ihn wegzunehmen oder uns einzureden, es bräuchte uns nicht schlecht gehen.
Nachdem wir die Nachricht von dem versunkenen Flugzeug erhalten hatten, verlor ich jedes Gefühl für Zeit. Vielleicht waren es nur ein paar Minuten oder vielleicht auch fast eine Stunde, die er bei uns war. Dan Dearing gewann die Herzen und Gefühle meiner Kinder, von Janet, unseren beiden Freunden und mir. Ich kann mich nicht an ein einziges Wort erinnern, das er sagte, nachdem er sich uns vorgestellt hatte, und doch schrieb er das Mitgefühl und die Liebe Jesu tief in unsere Seelen. Nicht seine Worte erreichten uns, sondern sein fürsorgliches Herz. Er umarmte uns mit seinem Herzen.
Ich erinnere mich, dass er uns ermutigte, über unseren Schmerz zu sprechen. Dann tat er etwas Seltenes: Er hörte zu. Seine Augen und seine Stimme spiegelten sein Mitgefühl wieder, als jeder von uns sprach. Er ließ uns reden und unterbrach uns kaum. Er fragte nach einigen Erklärungen und Details, aber er hörte wirklich zu. Das zeigte uns, dass er sich um uns sorgte.
Monate später fragte ich Dan, warum er zu uns gekommen war. »Woher wusstest du, was zu tun war?«, fragte ich.
Er lächelte mich an. »Als ich durchs Foyer schaute und eure Gruppe sah, hatte ich den Eindruck: Ihr seid die Menschen, bei denen ich sein soll. Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte, aber ich wollte für euch da sein.«
Dan blieb bei uns, bis wir aufs Zimmer gingen. Er verbrachte die nächsten zwei Tage mit uns. Immer, wenn wir ihn brauchten, war er da – die menschlichen Hände Jesu, bereit, uns zu halten und zu umarmen. Dan konnte nicht nur verstehen, wie wir uns fühlten. Er verstand auch, dass wir jemanden brauchten – jemanden, der uns an Gottes liebende Gegenwart erinnerte.
Peggy’s Cove
Trotz unseres Jetlags und Kummers schlief unsere ganze Familie gut in dieser ersten Nacht in Halifax. Der Samstag Morgen war hell, sonnig und klar. Der Plan für uns war, dass wir mit dem Bus zur Peggy’s Cove fahren würden.
Der Ort war atemberaubend schön. Man konnte sich nur schwer so eine immense Tragödie vorstellen, nur sieben oder acht Kilometer von der Küste entfernt. Am Horizont sahen wir Schiffe auf See, die ihre notwendige, aber schwere Aufgabe erfüllten: suchen und bergen.
Bei unserer Ankunft erreichten ganze Busladungen mit Angehörigen Peggy’s Cove. Von einem Zelt aus, wo bereits gefundene, aber noch nicht identifizierte Gegenstände ausgelegt waren, gingen wir vielleicht die Länge eines Häuserblocks hinauf zu einem Leuchtturm, der auf einem Felsvorsprung stand. Ungefähr 25 m vom Leuchtturm entfernt hatte man Holzbarrieren errichtet. Dort sollten wir warten, bis uns jemand ans Wasser begleiten würde. Ungestüme Wellen waren nichts Ungewöhnliches, und nur wenige Tage zuvor, so wurde uns gesagt, hatten sie eine nichtsahnende Person mit sich ins Meer gerissen. Beamte nahmen immer eine Familie oder Gruppe auf einmal mit ans Wasser, damit sie ihrer Lieben auf individuelle Weise gedenken konnten.
Wir waren neun Personen und damit eine relativ große Gruppe. Als wir uns in einem Kreis nahe am Wasser versammelten, kam ein uniformiertes Glied einer anderen Glaubensgemeinschaft zu uns. Er sah aus wie Ende zwanzig, Anfang dreißig.
John O’Donnell
»Ich bin Geistlicher.« Er machte ein Pause und fragte dann: »Sind Sie Christen?«
»Ja«, sagte ich.
»Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich einen Text aus der Bibel mit Ihnen lese und dann mit Ihnen bete?« Er stellte sich uns vor. Er hieß John O’Donnell und war römisch-katholischer Seelsorger.
Wieder war ich geschockt. Noch ein Mann von einer anderen Glaubensrichtung streckte uns Gottes Hände entgegen und handelte genau so, wie Jesus es getan hätte.
John öffnete die Bibel, las Psalm 77 für uns und betete ein wunderschönes Gebet. Danach sangen wir einige Lieder wie »Näher, noch näher« und »Amazing Grace«.
Wir verbrachten relativ viel Zeit dort, und schließlich begann ich mich zu sorgen, dass wir die vielen anderen Familien aufhalten könnten, die darauf warteten, von der Schranke hinunter begleitet zu werden. Aber als ich hinaufblickte, sah ich, dass jeder Einzelne auf den Felsen über uns bewegt dastand: die Feuerwehrmänner, die Polizei, die Freiwilligen vom Roten Kreuz, die anderen Familien und die Geistlichen. Sie lauschten unserer singenden Familie. Vielen weinten angesichts solcher Gnade inmitten von so viel Leid.
Später erzählte uns John: »Ich konnte nicht begreifen, wie ihr unter so schrecklichen Umständen Lieder singen konntet. Ich konnte es einfach nicht glauben.«
Unten auf den Felsen verbrachten wir einige Zeit damit, einfach nur auf den Horizont zu starren. Wir konnten Schiffe sehen, die immer noch Teile aus dem Wasser fischten. Helikopter lenkten sie nach festgelegten Koordinaten übers Meer.
Ich erinnere mich an den Leuchtturm und wie beeindruckt ich war von der Majestät dieses Bauwerks. Ich ahnte nicht, wie oft in der Zukunft wir uns an diesen Leuchtturm erinnern würden.
Unfreiwillige Bruderschaft
Wenn Menschen sich plötzlich in derselben traumatischen und unglücklichen Erfahrung wiederfinden, ohne sich selbst dafür entschieden zu haben, nenne ich das unfreiwillige Bruderschaft. Niemand hat es sich selbst ausgesucht, Teil dieser Gemeinschaft zu werden, und doch gehört er dazu, weil er durch Trauma und Schmerz in diese Gemeinschaft hineingenommen worden ist.
Wie ich erfuhr, waren traumatische Erlebnisse den Menschen von Nova Scotia nicht fremd. Die erste Katastrophe ereignete sich in der Nacht des 14. April 1912. Damals stieß die scheinbar unsinkbare Titanic an einen Eisberg und versank innerhalb von zweieinhalb Stunden. Die Rettungsboote konnten nur die Hälfte der 2200 Menschen aufnehmen. Das Passagierschiff Carpathia nahm letztendlich 705 Passagiere an Bord – die einzigen Überlebenden. Der Unfall geschah 1100 km südöstlich von Halifax.
Eine weitere Tragödie ereignete sich am 6. Dezember 1917, als die 146 m lange Imo, ein belgisches Passagierschiff, in den Hafen von Bedford segelte. Die Imo und einige andere Schiffe sollten in einem Konvoi Nachschub nach Europa für den Ersten Weltkrieg transportieren. Ca. 7:30 Uhr stieß die Imo mit einem französischen Munitionsschiff zusammen, der eisernen Mont Blanc.
Die Mont Blanc transportierte 2600 t nasse wie auch trockene Pikrinsäure, TNT, Pulverwolle und 300 Ladungen Munition. Sicher gelagert auf Deck waren Trommeln mit dem hochoktanigen Kraftstoff Benzyl. Funken vom Zusammenstoß setzten das Benzyl in Brand. Die manövrierungsunfähige Mont Blanc driftete Richtung Hafen, der unweit von Halifax liegt. Das Feuer und die Löschfahrzeuge zogen viel Aufmerksamkeit auf sich und Schaulustige eilten ans Ufer, um das Feuer zu sehen oder es vom Fenster aus zu beobachten.
Um 9:06 Uhr war es dann, als wäre Harmageddon, der apokalyptische Krieg, in Halifax ausgebrochen. Die Explosion tötete 1900 Menschen, 9000 wurden verletzt und flüchtiges Gas ließ 200 Menschen erblinden.
Die außer Kontrolle geratene Explosion zerstörte und beschädigte 13.000 Gebäude und 25.000 Menschen wurden obdachlos. Sie machte 140 ha Land am nördlichen Ende von Halifax dem Erdboden gleich. Stücke der eisernen Hülle der Mont Blanc landeten Kilometer weit entfernt. Es war die größte jemals dokumentierte Explosion vor der Atombombe. Die Explosion löste eine riesige Flutwelle aus, die die Imo gegen die Felsenküste schleuderte. Fünf Besatzungsmitglieder und der Kapitän starben. Am nächsten Tag begrub der schlimmste Schneesturm die Stadt, den sie in diesem Winter erlebten.
Der Verlust des Eigentums schien gering im Angesicht der Gefühle der Überlebenden. In ihrem Kampf, ein neues Leben zu beginnen, entwickelten sie eine erstaunliche Fähigkeit: andere zu verstehen und im Angesicht solcher Wirren und Verluste nicht zu verzweifeln, sondern zu agieren. Es entstand ein unsichtbares Band, das sich nach anderen Menschen ausstreckte und sie berührte – nach all jenen Menschen, die einmal dieser unfreiwilligen Bruderschaft beitreten würden.
Auch wir wurden nun Teil dieser unfreiwilligen Bruderschaft. Unsere Herzen waren zerbrochen vor Kummer, aber durch unzählige Menschen und Erlebnisse in Nova Scotia durften wir spüren, wie die Menschen dort uns in der Zeit unseres Verlustes in die Arme schlossen.
Seliger Fremder
Auch Bob, ein Thunfischfänger, wurde Teil dieser unfreiwilligen Bruderschaft. Am Abend des 2. Septembers 1998 hatte er einen besonders produktiven Tag mit seinem Boot, der Jubilee, hinter sich. Er hatte fünf riesige Thunfische gefangen. 4:30 Uhr war er hinausgefahren. So war seine Erschöpfung um 21:00 Uhr wohlverdient. Nach dem Abendessen stellte er den Fernseher an und schlief auf dem Sofa ein.
Um 22:35 Uhr erwachte Bob und hörte jemanden im Fernsehen sagen, ein Flugzeug sei abgestürzt. Als er das Wort Blandford hörte, war er hellwach. Er war gerade erst aus diesem Gebiet zurückgekommen. Nachdem er einige Details vernahm, entschied er sich, wieder zurückzufahren, um zu sehen, ob er helfen könne.
Die See war stürmisch, als er zu seinem Boot fuhr. Die Straße war bereits voll von Rettungsfahrzeugen. In dieser Nacht tat er etwas, was er normalerweise nie getan hätte. Mit seiner Mannschaft fuhr er allein auf die See hinaus in seinem elf Meter langen Fischerboot. Als er die Bucht verließ, sah er, wie Leuchtfackeln den Himmel in der Ferne erhellten. Flugzeuge warfen sie ab, um das Gebiet zu erleuchten, wo sie nach der Unglücksstelle suchten.
Nichts hätte Bob auf das vorbereiten können, was er nun sah, als er das Trümmerfeld erreichte. »Ich segelte in ein unglaubliches Szenario von Wrackteilen und zerrissenen Körpern«, erzählte er uns später. Bobs Trost war, dass eine ganze Armada anderer Fischer auch dem Ruf gefolgt waren. Diese Männer kannten das Meer. Es war ihr Leben.
Jedes Boot hatte einen hellen Scheinwerfer, um das Wasser zu erleuchten. Mit diesem Licht und den Leuchtfackeln am Himmel wirkte das Geschehen surreal. Der Geruch von Kerosin erfüllte die Luft. Schon nach kurzer Zeit merkte Bob, dass da niemand war, den man retten konnte. Man konnte nur noch suchen und bergen.
Während die Fischer bei der Suche halfen, erreichte die kanadische Marine mit einem Rettungsschiff das Gebiet. Sie stellte Funkkontakt mit der Fischfangflotte her, und es entwickelte sich ein regelrechtes Rettungssystem. Kapitän Town hatte eine starke, feste, beruhigende Stimme und brachte etwas Gefasstheit und Ruhe in das unvorstellbare Grauen.
Als Bobs Scheinwerfer das tiefblaue Wasser durchforschte, sah er etwas, das aussah wie eine Puppe, die auf dem Wasser schwamm. Als er näher kam, stellte er fest, dass es der verstümmelte Körper eines Babys war. Später stellte man fest, dass das Baby eines der beiden einzigen Menschen im Flugzeug war, die man nahezu unversehrt fand.
Bob zog den Körper an Bord und hielt das Baby fassungslos in seinen Armen. In diesem Augenblick, als er das Baby wiegte, geschah etwas in ihm. Jener Fischer und die Tragödie des Flugzeugabsturzes waren plötzlich keine Fremden mehr. Das Unglück hatte eine persönliche Dimension angenommen. Später traf er die Angehörigen dieses Babys. Auch sie wurden Teil jener großen Familie.
Durch Leid verbunden
Durch Verbindungen, die wir bis dahin noch nicht kannten, erfuhr Bob davon, dass unser Sohn Monte im Flugzeug gewesen war. Er kontaktierte uns und wollte uns treffen. Er und seine Frau Peggy luden uns zum Abendessen ein.
Später erzählte er uns, dass er sich fragte, ob das Treffen vielleicht unangenehm werden könnte. Wir kannten uns ja alle nicht. Würden wir eine Wellenlänge finden? Würde es kulturelle Barrieren geben? Wie würden wir mit dem umgehen, was er gesehen hatte? Würden wir den Verlust, den auch er spürte, verstehen?
Aber statt irgendeine innere Distanz zu spüren, schlossen wir Bob alle gleich beim Empfang fest in die Arme. Das reichte. Wir fanden heraus, dass er uns viele Dinge erzählen konnte, die unseren und auch seinen Kummer linderten.
Als Bob versuchte, seine Gefühle an der Unglücksstelle zu beschreiben, hatte ich den Eindruck, sie klangen nicht wirklich logisch, aber das machte nichts. Als er sprach, sagten mir seine Augen und sein Gesichtsausdruck alles, was ich wissen musste. Bob musste mit Menschen zusammen sein, die die gleiche Tragödie erlitten hatten, denn er fühlte und litt wie wir. Er hatte es sich nicht ausgesucht, Teil dieser Bruderschaft zu werden, aber Gott hatte es so gelenkt.
Ein Grab
Als wir ein Jahr später noch einmal nach Nova Scotia zurückkehrten, wollten wir nach einem Ort für Montes Überreste suchen. Wir dachten an einen Grashügel, von dem aus man auf die See blicken konnte. Eigentlich sind Montes Überreste an drei Stellen begraben: im Massengrab in Bayswater, wo alle Überreste begraben wurden, die man nicht identifizieren konnte, am Meeresboden und eben dort, wo wir jene Teile begraben würden, die man identifiziert hatte.
Zuerst fanden wir einen Ort auf einem Friedhof – sehr still und unbeschreiblich schön. Aber der Pastor des Ortes erlaubte es uns aus nachvollziehbaren Gründen nicht. So suchten wir drei weitere Tage. Als wir in der Gegend herumfuhren, fanden wir einen Platz in der kleinen Gemeinde Blandford, der uns ideal erschien, direkt am Meer, nicht weit vom Denkmal und vom Massengrab entfernt. Ohne Zögern bot uns die Stadtverwaltung von Blandford eine Grabstätte an, von der aus man aufs Meer schauen konnte. Obwohl wir es hartnäckig versuchten, nahmen sie keine Bezahlung an. Sie nahmen unseren Sohn auf wie ihren eigenen.
Zusammengestellt und übersetzt aus David Wilkins, United by Tragedy. A Father’s Story, Pacific Press Publishing Association.
Anmerkung der Redaktion: Bei den Bergungsarbeiten von Swissair 111 fand man eine Bibel auf dem Wasser schwimmen. Ob es Montes Bibel war, weiß man bis heute nicht.
Quelle: hoffnung-HEUTE.info, Ausgabe 5
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